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Ein Jahr in Boston

[ 3 Punkte bei 1 Bewertung; Jahres-Programm am Boston College ab Sommer 2005 ]

Du gehst nach Boston? Cool, ich wollte auch schon immer mal in die USA! Das ist wohl die größte Überraschung für alle gewesen, denen ich von meinem anstehenden Auslandsjahr in England erzählt habe: Es gibt ein Boston in England?! Ja, gibt es. Und da wollte ich für ein Jahr in einer Gastfamilie wohnen, zur Schule gehen und mein Englisch verbessern.

Irgendwie verging die Zeit bis zum Abflug immer schneller; auf einmal war da Schuljahr vorbei, dann die Sommerferien und Ende August 2006 flog ich dann von Hamburg nach London. Der Flug ist ja ziemlich kurz, daher hatte ich kaum Zeit, mich mit Fragen zu quälen, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe, was mich erwartet, ob ich überhaupt klarkommen würde. In London sollte mich dann ja jemand abholen, aber diesen Jemand konnte ich nicht finden. Ich war verunsichert. Eine Viertelstunde in England und schon die ersten Probleme. Na ja, ein Anruf die der Notfallnummer auf meinem Infoblatt genügte, um den Abholer dann doch zu finden.

In Boston begegnete mir als erstes ein weiterer Deutscher, der, wie es der Zufall will, auch aus Hamburg kam. Dies sollte kein Einzelfall bleiben! Gleich darauf traf ich meine Gastmutter. Es gefiel mir gleich in meinem neuen Zuhause. Die nächsten Tage war ich mit Kofferauspacken, Englisch-Einstufungstests und Infotreffen beschäftigt. Beim Welcome Meeting kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit den anderen Schülern. Es gab Ausflüge nach Nottingham und Cambridge, wobei ich schnell die anderen Leute kennen lernte und nach 10 Tagen fing dann auch die Schule an.

Es war eine Überraschung, festzustellen, wie viele Deutsche unter den "international students" am Boston College sind. Zum Beispiel setze ich mich in meiner ersten Physikstunde neben ein anderes Mädchen und fragte mal vorsichtig "are you english?". Die Antwort "No, I'm from Germany. And you?". So ging es eigentlich die nächste Zeit weiter, und ich stellte fest, dass Deutsche und Chinesen die wohl am Häufigsten vertretenen Nationalitäten waren.

Schule ist in England generell extrem unterschiedlich im Vergleich zu Deutschland. Es fängt damit an, dass man nur vier oder fünf Fächer hat. Ich hatte zu Anfang fünf: Chemie, Bio, Physik, Französisch und Mathe. Alle "internationals" müssen dazu noch EFL (English as a Foreign Language) machen. Dies sind drei Wochenstunden, wo man auf das IELTS, einen Englischtest der u.a. für Unibewerbungen in England wichtig ist, vorbereitet wird. Mir wurde der volle Stundenplan schnell zuviel, sodass ich Ende Oktober Physik aufgab.

Wie bereits erwähnt gefiel mir meine Gastutter (eine alleinstehende Frau ohne Kinder) sofort. Sie ließ mir ziemlich freie Hand und das Essen war - entgegen aller Vorurteile über englische Essen - auch immer recht lecker. Nach einer Weile war ich allerdings häufiger bei meinen Freunden in den halls of residence, (den Studentenwohnheimen auf dem Schulgelände, kurz "halls") als zu Hause, sodass ich mich Mitte November entschloss, umzuziehen. Die größte Schwierigkeit bestand schon mal darin, es meiner Gastmutter beizubringen, die das etwas persönlich nahm, aber letztendlich hat sie es akzeptiert.

In den halls konnte ich dann völlig frei über alles entscheiden. Ich hatte mir eine Wohnung ausgesucht, in der ich bereits zwei Leute kannte. Außerdem lebten dort noch drei Leute aus Weißrussland und ein Mädchen aus Hong Kong. Später zog noch eine Lettin dazu. Insgesamt war das Klima in unserer Wohnung okay, ab und zu war es recht laut, aber das Problem löste sich auch. Ich habe mich jedenfalls dort wohlgefühlt.

Ich habe mich ganz schnell an das unabhängige Leben in den halls gewöhnt und es hat mir sehr gefallen. Keiner wollte wissen, wann ich nach Hause komme, ich konnte selbst kochen und überhaupt machen, was ich wollte. Die Essensfrage bereitete mir anfängliche Schwierigkeiten, denn ich kann überhaupt nicht kochen. Aber keine Angst, Nudelnkochen kann jeder und Not macht erfinderisch. Es war leichter als ich es mir vorstellte. Und einmal die Woche mit den Freunden zu Asda (einem riesigen, 24 Stunden geöffneten Supermarkt) ziehen und einkaufen hat auch sehr viel Spaß gemacht.

Anfangs war ich etwas besorgt, dass ich vielleicht nicht die nötige Selbstdisziplin aufbringen könnte, noch genug für die Schule zu tun, und hatte Angst, ich würde mich ablenken lassen, aber es ging alles wunderbar. Es saßen ja alle im selben Boot und musste Lernen, Einkaufen, Kochen und Wäschewaschen unter eine Hut bringen. Die beliebteste Freizeitbeschäftigung war sicherlich das DVD gucken, manchmal am Wochenende bis spät in die Nacht. Und es waren wirklich lustige Abende, die ich jetzt schon, wo ich grade 10 Tage zu Hause bin vermisse.

Ich habe in diesem Jahr sehr viele neue Freunde kennengelernt, die von überall herkommen. Etwas erschrocken war ich, als ich feststellte, dass manche dieser Freundschaften in dem einem Jahr besser und stärker geworden waren als diejenigene, die ich zu Hause hatte und die schon Jahre alt waren. Ein Jahr lang zusammenleben schweißt eben sehr stark zusammen.

Besonders hat mir gefallen, dass die Leute, die ich am Boston College traf, aus allen Ecken der Welt kamen. Das gab der Schule eine internationale Atmosphäre und wo hat man sonst die Chance, Leute aus Hong Kong und Nigeria kennen zu lernen?

Ein Hinweis an noch alle, die mit dem Gedanken spielen, ein Jahr in Boston zu verbringen: Die vielen internationalen Schüler bewirken allerdings auch, dass man viel Deutsch spricht und nicht nur Englisch, wie man es sich oft vorstellt, wenn von einem Auslandsjahr die Rede ist. Meiner Meinung nach bleiben allerdings immer noch genug Möglichkeiten, sein Englisch zu verbessern. Einmal natürlich die Schule, aber auch andere Hobbys oder Nebenjobs. Und es gibt immer noch viele Leute, die kein Deutsch können.

Grundsätzlich gilt: Wer offen ist, auf Menschen zugeht und bereit ist, sich in gewissem Maße anzupassen und vor allem bereit ist, alle Vorurteile über den Haufen zu werfen und sich ein eigenes Bild zu machen, der wird keine Probleme haben, das Jahr im Ausland zu genießen.

Kommentare zu diesem Beitrag

3 Punkte Anna

hallo....ich stehe auch vor einem Auslandsjahr und es wird jetzt wirklich ernst und mir wurde es erst richtg bewusst, als ich heute die Anmeldung losgeschickt habe. Ich hoffe, bzw. meine größte Angst ist, dass ich keinen richtigen Anschluss finde!!! Wie wird man denn allgemein aufgenommen und wie verhalten sich die Mitschüler?

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