Ein Brief aus Japan
[ Jahres-Programm ab Sommer 2002 ]
Liebe Frau Martens,
bereits seit längerem nehme ich mir vor Ihnen zu schreiben und jetzt nach der Klassenfahrt komme ich auch dazu. Die Zeit vergeht sehr schnell. Daraus können Sie schon schließen, dass es mir gut geht.
Schule
Die Schule hat am 02.09. begonnen. Trotz Schuluniform, Nachmittagsunterricht ... (komme später noch darauf zu sprechen) habe ich mich so ziemlich daran gewöhnt. Die Lehrer nehmen Rücksicht auf mich. Ich muss z.B. den Japanisch-, Geschichts- und Heilskundeunterricht nicht besuchen, da er mir von der Sprache zu schwer ist. Bei den Halbjahresprüfungen musste ich auch nur die in Englisch mitschreiben. Wie oben schon angedeutet, müssen die Schüler in Japan Schuluniformen tragen. Wir haben zwei verschiedene - eine für den Sommer und eine für den Winter. Seit Oktober wechseln wir auf die Winteruniform um. Sie besteht aus einem Rock (derselbe wie im Sommer) und einem langärmligen Oberteil mit Schleifchen, Kragen und Schullogo. Meiner Meinung nach sehr altmodisch. Besonders im Winter würde ich gerne eine Hose anziehen.
Der Schultag beginnt erst um 8:50, aber endet nicht vor 15:30. Wie in Deutschland habe ich jeden Tag sechs Unterrichtsstunden, die allerdings 50 Minuten dauern. Nach jeder Schulstunde machen wir eine 10-minütige Pause. Dadurch zieht sich alles in die Länge! Im Anschluss an die letzte Stunde müssen die Schüler zum Putzen antreten. Jeden Monat werden die Aufgaben neu vergeben. Die einen müssen das Klassenzimmer fegen, andere sind für den Schulhof zuständig. Alles machen die Schüler! Aber in Japan klappt das wirklich gut.
Die meisten japanischen Highschools bieten am Nachmittag Arbeitsgemeinschaften an. An meiner Schule gibt es ein Orchester, Kalligraphie- und mehrere Sport-AGs. Wer sich allerdings für eine AG entscheidet, muss jeden Tag, somit auch in den Ferien, kommen. Mir ist das zu oft!
An meiner Schule sind außer mir noch andere Ausländer. Ein Mädchen kommt aus Korea und eines aus Thailand. Mit der Thailänderin, die auch englisch spricht, verstehe ich mich sehr gut. Es ist für den Anfang doch einfacher sich in englisch als in japanisch zu unterhalten.
Klassenfahrt auf japanisch
Vorletzte Woche kam ich von der Klassenfahrt aus Südkorea zurück. Klassenfahrt ist vielleicht nicht ganz richtig! Es sind nämlich alle 2. Klassen meiner Schule gefahren. So waren wir insgesamt mit den begleitenden Lehrern 296 Personen. Die komplette Reise war, wie es in Japan nicht anders zu erwarten ist, perfekt organisiert. Am Flughafen in Seoul wurden wir von unseren 7 Reiseführern (für jede Klasse einen) empfangen. Sie begleiten uns während unseres Aufenthalts.
Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass wir von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten gebracht wurden. Dort haben wir eine Führung gekriegt und außerdem wurden mehrere Photos geschossen. Anschließend sind wir weiter gefahren. Auch einen Besuch in einer koreanischen Schule haben wir nicht ausgelassen. In den 3,5 Tagen habe ich wirklich viel von Seoul und der Umgebung gesehen. Manchmal war es richtig stressig.
Hippo Club
Außerhalb der Schule habe ich jeden Donnerstag ein Hippo Family Meeting. Ich treffe dort andere Japaner (hauptsächlich Mütter mit ihren kleinen Kindern). Gemeinsam spielen wir Spiele (meistens die selben) und hören uns Sprach-CDs an. Ich hatte angenommen, dass die Hippo Mitglieder diese 7 Sprachen (wie immer es heißt) richtig lernen. Ich war daher enttäuscht, dass sie oft nicht mehr können als die Zahlen von 1 - 10 und sich kurz vorstellen. Vermutlich würden weniger Sprachen auch schon reichen. Ende August hat der Hippo Club für uns Ausländer ein Treffen organisiert, zu dem auch andere Deutsche, Kanadier und Mexikaner eingeladen waren. Ich fand das wirklich gut. Die hatten bis zu dem Zeitpunkt ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich.
Gastfamilie
Nun noch kurz zur Gastfamilie: Außer den Gasteltern wohnt noch eine 85 Jahre alte Mutter von ihm im Haus (in Japan ist es üblich, dass die Kinder ihre Eltern zu sich aufnehmen wenn diese alt sind). Sie geben sich durchaus viel Mühe alles recht zu machen. Sie lassen mir auch viele Freiheiten was für japanische Gasteltern keine Selbstverständlichkeit ist. Aber leider haben wir interessenmäßig eher wenig gemeinsam.
Wie sie sehen können, geht es mir wirklich gut. Ich bereue meine Entscheidung, für 1 Jahr nach Japan zu gehen, nicht.
Ihre Lucie