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Ein Schuljahr in Mexiko

[ Jahres-Programm ab Sommer 2001 ]

Am 22.August 2001 ging das langersehnte Abenteuer los, ich würde für 10 Monate nach Mexiko fliegen. Natürlich war ich total aufgeregt und freute mich riesig, obwohl ich keine richtige Vorstellung hatte, von dem was mich erwartete. Sicher hatte ich viele Reiseführer und Erfahrungsberichte gelesen, trotzdem ist es dann doch etwas anderes, wenn es plötzlich heißt: "Morgen fliegst du los, ins große unbekannte Land!" Eine Woche vor dem Abflug bekam ich eine Anruf von KulturLife und sie sagten mir, dass ich die ersten Wochen bei dem örtlichen Mitarbeiter von Nacel wohnen würde, bis sie eine feste Gastfamilie für mich gefunden hätten.

Mexico CityAm Tag des Abfluges brachte mich meine Familie zum Flughafen und es fiel mir sehr schwer loszufliegen, wissend, dass wir uns ein ganzes Jahr nicht sehen würden, aber ich war nicht allein, denn ich flog von Berlin aus mit Maria, einer anderen Austauschschülerin nach Frankfurt und dort gesellte sich Jonas zu uns, nun waren wir komplett. Nach dem langen Flug kamen wir aufgeregt in Mexiko City an, dort erwartete uns bereits der Direktor von Nacel Mexiko, begrüßte uns und lud uns in sein Haus ein, wo wir uns das letzte Mal auf deutsch unterhalten und dann von der langen Reise erholen konnten.

Am nächsten Tag ging es bereits in unsere eigentliche "Heimatstadt", das ca. 5h entfernte Leòn, im Bundesstaat Guanajuanto. Vorher jedoch bekamen wir eine kleine Stadtführung durch Mexiko City mit anschließendem Restaurantbesuch, wo wir dann auch das erste Mal die mexikanische Küche probierten. So gestärkt und mit vielen Tipps machten wir uns abends schließlich mit dem Reisebus, begleitet von einem Nacel Mitarbeiter auf den Weg nach Leon. Dort wurden wir von unseren Gastfamilien empfangen.

Übergangsgastfamilie

Zuerst empfing mich die Familie des Mitarbeiters, wo ich nun vorerst bleiben würde, sehr freundlich und ich fühlte mich wohl, alles war neu und aufregend, jedoch änderte sich das schnell. Die beiden Eltern arbeiteten sehr viel und kamen meistens abends gegen 21.30 Uhr nach Hause, es gab keine Kinder in meinem Alter und obwohl ich versuchte, gut mit ihnen auszukommen, machten sie nicht den Eindruck, als wollten sie mich zu einem Teil ihrer Familie machen. Doch nicht nur ich hatte Problem mit diesem Mitarbeiter, auch Maria und Jonas und viele Leute meinten er kümmere sich nur um uns, weil er dafür Geld bekäme, jedoch habe ich nie wirklich bemerkt, dass er eine Gastfamilie für mich suchte oder sich sonstwie kümmerte, denn dafür hatte er gar nicht die Zeit. (Anm. d. Red.: Dieser Mitarbeiter arbeitet inzwischen nicht mehr für Nacel, im laufenden Jahr sind alle in Mexiko City platziert und fühlen sich sehr wohl.)

In der SchuleSo waren die ersten 4 Wochen sehr schwer für mich, ich fühlte mich sehr unwohl, hatte Heimweh und überlegte sogar den Aufenthalt abzubrechen. Davon hielten mich jedoch meine Freunde ab. Ich ging auf eine kleine Privatschule mit nur 120 Schülern, aber gerade deswegen herrschte ein sehr familiäres Verhältnis untereinander und ich wurde vom ersten Tag an sehr herzlich aufgenommen. Der Unterricht war von 7.30 Uhr bis 13 Uhr und die Unterrichtsfächer gleichen den deutschen, jedoch ist es durch das angeschlagene Bildungssystem Mexikos einfacher den Stoff zu begreifen als in Deutschland. Alle kümmerten sich um mich, halfen mir und ließen mich schnell das Heimweh vergessen, schnell schloss ich viele Freundschaften, ein paar davon sehr innig und bis heute andauernd. Nachdem ich vielen von meiner Situation erzählt hatte, erklärten sich die Eltern eines Mädchens sofort bereit, mir zu helfen, ich lernte sie kennen und noch am selben Tag zog ich zu ihnen.

Eine richtige Gastfamilie

Nun hatte ich endlich eine richtige Gastfamilie und ich verstand mich von Anfang an super mit ihnen. Es gab zwei Mädchen in meinem Alter und einen kleinen achtjährigen Gastbruder, wir alle hatten viel Spaß zusammen und vor allem konnte ich durch sie eine Menge über die mexikanischen Bräuche und Gepflogenheiten lernen, da sie aus einer sehr traditionellen Familie stammten. Fast jedes Wochenende gab es eine Hochzeit oder eine Kommunion, da die Familie sehr groß und wie die Mehrheit der Bevölkerung sehr katholisch war. Jedoch respektierten sie, dass ich nicht diesen Glauben hatte und es war kein Problem, wenn ich nicht jedes Wochenende mit in die Kirche ging.

GuanajuatoIn den Weihnachtsferien sind wir viel verreist und ich hatte die Gelegenheit sehr viel vom Land und der Kultur kennen zu lernen, jeden Tag gibt es etwas Neues zu entdecken, was ganz anders als in Deutschland oder Europa ist. Vor allem weil die Menschen extrem offen und hilfsbereit sind und selbst das wenige was sie haben, immer bereit sind mit anderen zu teilen, war ich sehr beeindruckt von dieser Kultur. Als Fremder wird man jederzeit freundlich aufgenommen, solange man versucht, sich den Gepflogenheiten anzupassen und nicht alles Neue zu kritisieren, so zum Beispiel das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Man gewöhnt sich so schnell an die Umgebung, dass es einem bald normal vorkommt und man sich eingelebt hat.

Gastfamilienwechsel

Im Januar habe ich noch einmal die Familie gewechselt, weil sich meine Gasteltern getrennt hatten. Aus Rücksicht bin ich dann zu der Familie eines Freundes gezogen, blieb aber trotzdem in ständigem Kontakt mit der Gastfamilie. Auch in der neuen Familie wurde ich sofort super aufgenommen, und ich hatte plötzlich noch drei kleine Schwestern und sogar einen großen Bruder, eine ganz neue Erfahrung. Die fünf Monate bei dieser Familie waren die schönsten des ganzen Aufenthaltes, denn von Anfang an fühlte ich mich wirklich wie ein Teil dieser Familie und lernte ein richtiges Familienleben kennen, traf mich oft mit meinen Freunden, und durch Schulreisen konnte ich noch mehr vom Land kennen lernen.

Pyramiden von TeotihuacanLand, Kultur und Leute

Mexiko ist ein wunderbares Land mit einer wahnsinnig vielseitigen Kultur, wunderschönen Landschaften und den herzlichsten Menschen, die ich je kennen gelernt habe. Im nachhinein wird mir Mexiko immer als eines der interessantesten und schönsten Länder in Erinnerung bleiben. Es ist anders als Deutschland. Denn zwar ist Deutschland ein sehr entwickeltes Industrieland, doch hat es nicht diese reiche Kultur zu bieten, die ich in Mexiko kennen lernen durfte und ich kann nur jeden dazu ermutigen, dorthin zu fahren, wenn er die Möglichkeit dazu hat. Das Land ist in allem sehr vielfältig, sei es das Klima, die Landschaft und die Traditionen, es variiert sehr nach der jeweiligen Region. Typisch ist jedoch die herzliche und offene Art der Mexikaner, ihre Bescheidenheit, aber auch ihr großes Interesse am Fremden, ihr warmer Empfang lässt jeden sich sofort zu Hause fühlen.

Die Mexikaner feiern auch sehr gern, sei es zu nationalen Anlässen (Nationalfeiertage, Weltmeisterschaft o.ä.) oder religiös bestimmten Festen (Weihnachten, Hochzeit, día de los muertos etc.), alles geht auf lange Traditionen zurück und ist jedes Mal ein besonderes Ereignis. Geld ist ihnen dabei nicht so wichtig und es zählen keine Äußerlichkeiten. Solange sie gesund sind, genießen sie den Moment, denn es zählt mehr das Hier und Jetzt als die Sorge um das Morgen, eine Einstellung die mich beeindruckt hat, aber durch ihren Glauben verständlich ist. Trotzdem bleibt das Klischee des faulen, ständig Tequila trinkenden Mexikaners mit Poncho und Sombrero ein sehr übertriebenes Vorurteil, auch wenn gewisse Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen sind, aber dazu sollte sich jeder wohl doch seine eigene Meinung bilden.

Auch wenn ich vorher gezweifelt habe und es am Anfang schwer war sich an alles zu gewöhnen, bin ich froh dass ich den Aufenthalt nicht abgebrochen habe, denn die letzten zehn Monate waren die interessantesten, schönsten und erfahrungsreichsten Monate in meinem Leben. Für jeden ist ein Austauschjahr bekanntlich eine große Herausforderung und ich kann nur zustimmen, dass es sich bei den ganzen neuen Erfahrungen auf jeden Fall lohnt.

Susanne W.

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