10 Meses en España
[ Jahres-Programm ab Sommer 2004 ]
Für mich stand eigentlich schon recht früh fest, dass ich das elfte Schuljahr im Ausland verbringen wollte. Einfach mal raus aus dem immer gleichen Alltag und etwas Neues erleben. Doch machte ich mir nie wirklich ernsthafte Gedanken darüber, wo es eigentlich hingehen sollte. In der neunten Klasse wurde ich dann von meinen Eltern mehr oder weniger dazu gedrängt, am wahlfreien Spanischunterricht teilzunehmen, auch wenn ich auf Grund zusätzlichen Nachmittagsunterrichts nicht wirklich davon begeistert war. Zwar hatte ich jetzt schon im Hinterkopf, dass Spanien nun auch gut als Austauschland in Frage kommen würde, doch verbrachte ich die Unterrichtsstunden mit allem anderen als Aufmerksamkeit. Doch bald wuchs die Idee, ein Jahr in einem Spanisch sprechenden Land zu verbringen, zu einer Euphorie heran und ich begann mir alles ganz genau auszumalen. Spanien sollte es sein, genauer gesagt: Andalusien. Dort würde man wohl am ehesten auf das typische Spanisch-Klischee stoßen: Flamenco, Stierkampf, Tortilla, Fiestas, Sonne, spanische Mentalität,.... und die Chance bekommen, das Ganze mal als Nicht-Tourist kennen zu lernen. In den Sommerferien zur zehnten Klasse begann dann der erste Teil der Vorbereitung. Stunden verbrachte ich damit, eine geeignete Organisation zu suchen, die meinen Anforderungen entsprach. Mit KulturLife hatte ich dann schließlich auch die Passende gefunden. Jetzt hieß es einen Riesenberg an Papierkram auszufüllen und dazu noch Bewerbungsgespräche hinter sich zu bringen. Schließlich wurde ich für das Programm akzeptiert. Zu diesem Zeitpunkt lag alles noch so weit weg, doch verging die Zeit schneller als gedacht. Nur fand ich leider immer noch keine Motivation dazu, mich vermehrt mit der Sprache auseinander zu setzen. Nach einem Jahr würde man sie ja hoffentlich flüssig beherrschen, also warum zusätzlichen Arbeitsaufwand vorher? Vielmehr machte ich mir Sorgen darum, wer mir in Zukunft die Fingernägel schneiden sollte, wenn meine Mami nicht da wäre.
Jeden Morgen nach dem Aufstehen rannte ich nun als erstes zum Briefkasten, um zu schauen, ob endlich meine Gastfamilienadresse dabei sein würde. Fünf Wochen vor dem Abreisedatum kam dann endlich der lang ersehnte Brief. Ich würde nach Cádiz kommen, eine 160.000 Einwohnerstadt an der Atlantikküste, die zu drei Vierteln mit Wasser umgeben ist. Außerdem hatte ich einen gleichaltrigen Gastbruder (eine echte Nervensäge, aber immer gut zu gebrauchen) und eine 20 jährige Gastschwester, die etwa die gleichen Hobbys hatte wie ich. Zu meiner Gastschwester nahm ich auch gleich E-Mail- Kontakt auf und alle schienen sich wirklich auf mich zu freuen.
Die Wochen vor der Abreise machte ich noch einmal Urlaub mit meiner Familie und trotz der kurzen Zeit, die noch bis zum Abflug verblieb, kam mir noch alles so unwirklich vor. Zeit für Aufregung gab es keine. Schließlich gab es noch viele Dinge zu erledigen. Am Abend vor dem Abflug bekam ich dann noch Besuch von meinen besten Freunden. Hier war ich dann schon ein bisschen hibbelig und gelegentlich auch mal geistig abwesend....
Am 27. August war es dann endlich so weit. Nach letzten Pack-Aktionen am Vorabend, brachten mich meine Mutter und mein Großvater morgens zum Flughafen. Mehr Familie hätte ich auch kaum verkraftet. Im Zug fiel mir plötzlich auf, dass mir sämtliches Grundvokabular fehlte. Jetzt wurde ich wirklich nervös und wollte am liebsten gleich wieder umdrehen. Aber das hatte ich mir ja selbst zuzuschreiben und da half auch kein Jammern. Ein Zurück gab's nicht mehr. Augen zu und durch... das haben auch schon so viele Leute vor dir geschafft! Der Abschied verlief dann recht schnell, doch kullerten die Tränen noch, bis ich im Flugzeug saß. Dann riss ich mich zusammen und bald kam ich auch schon dort an, wo ich hin wollte. In Sevilla holten mich Mitarbeiter der Organisation ab. Ich verstand nicht wirklich viel von dem, was sie mir mitzuteilen versuchten, doch habe ich mir immer meinen Teil dazu gedacht.
Von meiner Gastfamilie wurde ich dann gleich mit den 2 obligatorischen Wangenküsschen links und rechts begrüßt und sie zeigten mir erst einmal mein Zimmer. Am nächsten Morgen fuhr ich mit meiner Gastmutter ins nahe gelegene Einkaufszentrum und wir machten eine ausgiebige Shoppingtour. Den Nachmittag verbrachten wir am Strand, der nur drei Minuten zu Fuß von meinem Haus entfernt liegt. Als ich dann das erste Mal Langeweile hatte, löste dieses sofort Heimweh aus und mir wurde jetzt erst richtig bewusst, dass noch 10 ganze Monate vor mir lagen, in denen ich Familie und Freunde nicht sehen würde. Solche Phasen sollte es natürlich in den nächsten Wochen immer mal wieder geben. Trotzdem hatte ich sehr viel Optimismus und Energie, um in allen Dingen etwas Gutes zu sehen. Die ersten drei Wochen hatte ich einen Sprachkurs, wodurch ich auch noch viele andere Austauschschüler kennen lernte. Dank vieler gemeinsamer Unternehmungen am Nachmittag lernte ich schnell meine neue Umgebung kennen und wurde in die spanischen Bräuche eingeweiht. Wir gingen natürlich jeden Tag an den Strand und genossen das bis dahin anhaltende Urlaubsfeeling. Auch wenn ich jetzt immer noch nicht behaupten kann, dass ich hier in irgendeiner Weise ein hartes Alltagsleben führe... Im Gegenteil!
Die Schule fing Mitte Oktober an. Außer mir gab es noch eine andere Austauschschülerin aus Belgien eine Klasse über mir. Am ersten Schultag war ich dann doch ganz schön aufgeregt, vor allem weil ich ganz allein dorthin geschickt wurde, ohne zu wissen, wo meine Klasse ist. Doch habe ich auch das ohne bleibende Schäden überstanden.
Alle Bedenken waren unbegründet. Wir wurden sofort super aufgenommen und sowohl Lehrer als auch Schüler waren sehr interessiert an uns. In den Pausen haben sich große Gruppen um uns gebildet und wir wurden mit Fragen bombardiert. Wir waren etwas Besonderes und bekamen so die ganze Aufmerksamkeit. Sogar auf der Strasse wurden wir immer gleich als Ausländer entlarvt und waren ständig von Pfiffen und Schnalzen begleitet. Im Unterricht kam ich sofort gut mit und meine Noten am Ende des ersten Trimesters lagen über dem Schnitt der Klasse. Auch die Sprache verbesserte sich schnell und mittlerweile gibt es fast keine Verständigungsprobleme mehr. Mit der Zeit ließ dann jedoch das Interesse der Klassenkameraden etwas nach und ich hatte das Gefühl, sie wären einfach nicht auf meiner Wellenlänge. Vielleicht war ich auch einfach etwas zu arrogant auf diesem Gebiet. Meine Erwartungen waren sehr hoch, aber schließlich habe ich dann doch Leute gefunden, die meinem Typ entsprechen.
An den Wochenenden fingen wir sofort an, abends auszugehen und ich lernte die berühmt-berüchtigten Plazas kennen. Das spanische Leben spielt sich hauptsächlich auf der Strasse ab und nachts sind vor allem die Plätze rappelvoll. Dort steht man in kleineren Gruppen zusammen, unterhält sich und tut halt die Dinge, die zur allgemeinen Belustigung beitragen. Die meisten Cliquen haben ihren festen Stammplatz, so dass man auch immer die Leute findet, die man gerade sucht. Außerdem trifft man stets viele bekannte Gesichter und lernt immer wieder neue Leute kennen. Schon nach kürzester Zeit hatte ich einen großen Bekanntenkreis. Hier merkt man doch, dass die Spanier um einiges aufgeschlossener und herzlicher sind als viele Deutsche. Auch im Tagesrhythmus lassen sich Unterschiede feststellen. Hier findet alles zu späterer Uhrzeit statt als in Deutschland. Sowohl die Mahlzeiten, als auch die Discobesuche. Zum Ausgehen trifft man sich immer erst so gegen zwölf und zum Tanzen geht's dann etwa gegen drei Uhr. Im Sommer habe ich auch viel Zeit in den zahlreichen Strandbars unter freiem Himmel verbracht oder bin mit Freunden einfach nur die Uferpromenade entlang geschlendert.
Was wäre Andalusien ohne Flamenco? In den ersten drei Monaten habe ich gleich einen entsprechenden Tanzkurs belegt, um ein bisschen hineinzuschnuppern. Hier spürt man deutlich wie viel Temperament und Stolz die Spanier haben. Aber das braucht man wahrscheinlich auch, denn für einen Nordeuropäer ist es gar nicht so einfach mit diesem Rhythmus zurecht zu kommen. Ansonsten waren die Tage ausgefüllt mit Schule, Ausflügen in die nahe Umgebung, Strandtagen, Treffen in Bars und Cafes con churros y chocolate etc. und der Alltag hielt allmählich Einzug.
In der Weihnachtszeit überfiel mich dann allerdings mein erster richtiger Kulturschock. Die ganze Stadt war zwar weihnachtlich geschmückt und überall leuchteten diverse Lichterketten, aber es stellte sich nicht die gewohnte, besinnliche Stimmung ein. Zum einen lag das wohl an den noch recht warmen Temperaturen, zum anderen gibt es hier viel weniger adventliche Bräuche. Die Spanier bleiben gewohnt temperamentvoll, stellen schon 2 Wochen vor Weihnachten einen Baum aus Plastik ins Wohnzimmer und fiebern ansonsten ihrem Höhepunkt entgegen, nicht etwa la Navidad (Weihnachten) sondern der Auslosung der großen Lotterie am 22. Dezember, wo jeder vor dem Fernseher sitzt und auf den großen Gewinn wartet... ich ging leider leer aus. Trotzdem habe ich das Beste aus der Zeit gemacht und meine Gastfamilie, dank vieler Päckchen von zu Hause, mit deutschen Bräuchen vertraut gemacht und auch begeistern können, wie das Beispiel Adventskalender zeigte. Heiligabend verbrachten wir bei Verwandten in Sevilla mit einem landestypischen, nicht enden wollenden, großen Essen. Geschenke gab es dann am 6. Januar (los Reyes Magos), aber dafür dann reichlich und alles noch kommerzieller als bei uns. La Nochevieja (Sylvester) wurde zuerst im Kreise der Familie und mit gewohnt ausgedehntem großen Essen eingeleitet, bevor um Mitternacht mit jedem Glockenschlag eine Weintraube gegessen werden musste und das war gar nicht so einfach, soll aber Glück im kommenden Jahr bringen. Danach ging es dann auf die Plazas zur großen Sylvesterparty, allerdings nicht in Jeans sondern schick in Anzug und Krawatte. Und unter der edlen Kleidung sollte sich möglichst rote Unterwäsche verbergen, bringt ebenfalls Glück!
Ein weiteres Highlight war der für Cádiz sehr berühmte Karneval im Februar. Eine Woche lang war das Zentrum in einen großen Festplatz verwandelt. An jeder Ecke waren Bühnen aufgebaut, wo verschiedene Karnevalsgruppen ihr Können unter Beweis stellten. Jede darauf bedacht, sowohl in Sachen Verkleidung, als auch Unterhaltungskunst die Originellste und Einfallsreichste zu sein. Dort haben wir dann gern und oft bis früh in die Morgenstunden hinein gefeiert und die ausgelassene Atmosphäre genossen. Es gab fast niemanden, der nicht verkleidet war. Ist wirklich beeindruckend mit wie viel Hingabe die Leute dabei sind.
Dann gab es erstmal wieder eine eher nicht so interessante Phase, die mehr oder weniger Schulalltag bedeutete. Hier ist der Unterricht nämlich ganz schön langweilig. Der Lehrer steht vorne und quasselt eine lange Stunde (60 Minuten!!), man selbst soll Notizen machen und wird auch noch für unordentliche Schreibweise angemacht. Ein Gespräch oder Gedankenaustausch kommt selten zu Stande und so tut der Hintern weh vom langen Sitzen und die Zeit schleicht dahin. Nur Informatik ist kurzweilig, da ich hier immer die Gelegenheit habe mit diversen Freunden zu chatten. Englisch und Franz kann man vergessen, dafür sind Mathe und Lengua (Spanisch) auf einem so hohen Niveau, dass es auch nicht viel Spaß macht. Aber dann kamen ja schon bald die Osterferien und mit ihnen der Besuch von meiner Freundin. Die Semana Santa lockt zwar immer viele Touristen an, wurde aber für uns bald uninteressant, da die Straßen und Plätze ständig überfüllt waren und eine Prozession die andere jagte. Aber wir konnten uns auch anders wunderbar beschäftigen
Im April konnte ich dann mit meiner Gastfamilie die Feria in Sevilla besuchen. Das Ganze ist mit einem riesigen Volksfest zu vergleichen. Auf dem Festgelände sind unzählige Zelte aufgebaut, in denen gegessen und getanzt wird. Die Frauen erscheinen in bunten Flamencokleidern und die Landbesitzer mit Pferden und Pferdekutschen. Dank einer großen Blume im Haar und schönen langen Ohrringen wurde ich nicht sofort als Ausländer erkannt und konnte so eine richtig traditionelle Fiesta miterleben ...
Heute bleiben mir noch genau 2 Monate bis es wieder nach Hause geht. Am Anfang habe ich noch die Tage gezählt und jetzt denke ich, dass die Zeit eigentlich viel zu schnell vorbeigeht. Der Abschied wird mir superschwer fallen, vor allem von meiner Gastfamilie, die wirklich ein zweites Zuhause für mich geworden ist. Auch die neu gewonnenen Freundschaften werden mir fehlen, aber soweit liegen die beiden Länder ja nun auch nicht auseinander. Letztendlich kann ich nur sagen, das Ganze war und ist bis jetzt eine der schönsten und erlebnisreichsten Erfahrungen meines Lebens, auch wenn zwischendurch nicht immer alles ganz einfach war.
Magdalena Schlegel