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High School USA - Brevard, North Carolina

Hallo miteinander,

wenn mich jemand fragen würde, welche(r) Zeit(raum) mich in meinem Leben besonders geprägt hat, würde ich höchstwahrscheinlich von meinem halben Jahr als Austauschschüler in Brevard, North Carolina in den Vereinigten Staaten während des Schuljahrs 2007/08 erzählen.

Anfang August ging es damals los. Nach einem sehr schönen Vorbereitungswochenende in Chicago mit etwa 40 anderen Austauschschülern (größtenteils aus Deutschland) flog ich nach Asheville, der nächsten größeren Stadt in der Nähe Brevards. Dort wurde ich am Flughafen von 9 meiner zu Beginn 10 Gastfamilienmitglieder sehr herzlich in Empfang genommen. Von dort fuhren wir dann mit zwei Autos zum Haus meiner Gastfamilie. Als ich dort ankam, war ich zunächst ein kleines bisschen geschockt. Meinen Unterlagen war nämlich zu entnehmen gewesen, dass ich in einer Stadt mit etwa 50.000 Einwohnern leben würde. Tatsächlich lebte ich, frei von Nachbarn, ungefähr eine halbe Stunde von der nächsten Kleinstadt mit ca. 6.000 Einwohnern entfernt. Allerdings erwies sich dies in der Folgezeit als halb so schlimm, da man den USA eigentlich sowieso praktisch überall mit Auto hin fährt.

Brevard liegt in der Nähe der Smokey Mountains, einem Teil der Appalachen, in einer landschaftlich wunderschönen, sehr bergigen Region. Dies war für mich als Schleswig-Holsteiner (Flensburg) ein sehr schöner Kontrast zu dem, was ich gewohnt bin.

Als wir dann im Haus meiner Gastfamilie, das mein Gastvater Bill, ein selbstständiger Bauunternehmer, einst selbst für seine Familie gebaut hatte, angekommen waren, stellte ich fest, dass mein Heim für die nächsten fünf Monate außer all den Menschen auch noch fünf Hunde und zwei Katzen enthielt. Letztendlich war man fast immer mindestens mit 4-5 Lebewesen in einem Raum, was sehr angenehm war, da man so gar keine Zeit hatte, sich im fremden Land einsam zu fühlen. Mein Zimmer teilte ich mir mit meinem zwei Jahre jüngeren Gastbruder Ben, der zwar bestimmt nicht der am leichtesten zugängliche Mensch der Welt ist, mit dem ich mich aber nach einiger Zeit hervorragend verstand.

Das wichtigste Element im Leben meiner Gastfamilie war vermutlich die Kirche, in der sie sich sehr viel ehrenamtlich engagierten und in der sie zweimal pro Woche den Gottesdienst besuchten. Auch von mir erwarteten sie, dass ich sie zumindest einmal wöchentlich begleitete. Dies kam mir nach einiger Zeit aber durchaus entgegen, da die amerikanische Kirche neben einer Glaubensgemeinschaft auch etwas wie ein Ortsverein ist, in dem man an der Gemeinschaft teil haben kann und ich dort auch einige meiner besten amerikanischen Freunde fand.

Allerdings muss man dazu sagen, dass meine Gastfamilie teilweise extrem konservative, radikale Ansichten bezüglich Themen wie Abtreibung, Homosexualität und Evolutionstheorie vertratt, was unter anderem dazu führte, dass meine Gastmutter Sandy alle ihre Kinder heimunterrichtete, da an den staatlichen Schulen in North Carolina z.B. die Evolutionstheorie als wissenschaftliche Tatsache gelehrt wird ("home-schooling" ist in den USA verhältnismäßig stark verbreitet, da viele Menschen den öffentlichen Schulen recht skeptisch gegenüberstehen).

Zwei Wochen nach meiner Ankunft stand mein erster Schultag an der Brevard High an. Meine Mitschüler zeigten sich überaus interessiert an mir und den beiden anderen Austauschschülern (ein Brasilianer, mit dem ich im Fußballteam der Schule spielte, und eine Deutsche, mit der ich aber Englisch sprach und umgekehrt), mit denen ich mich auch gleich super verstand, obwohl dieses Interesse natürlich nicht konstant hoch blieb. Durch das allgemeine Interesse fühlte man sich gleich sehr wohl an seiner neuen Schule. Aber auch der Schulalltag selber machte meistens ziemlich Spaß, da es nach dem Unterricht sehr vielseitige Freizeitangebote gab, durch deren Ausübung man sich gleich doppelt mit der Schule verbunden fühlte. Zudem ist dies der beste Weg, um neue Bekanntschaften zu machen sowie Freunde zu finden. In Deutschland hatte ich vorher immer Angst gehabt, dass ich in der Schule komplett versagen würde, da mein Englisch sich damals auf durchschnittlichem Schulniveau (also auf ziemlich schlechten) befand und ich irgendwie davon ausging, dem Unterricht nicht folgen können zu würden. Diese Angst erwies sich als völlig unbegründet und ich kam sehr gut mit, obwohl das Niveau deutlich besser war, als mir einige Ehemalige weismachen wollten (was aber auch sicherlich eine Frage der Schule sowie natürlich der Lehrer ist).

Insgesamt ging mein Halbjahr als Austauschschüler viel zu schnell vorbei. Heimweh hatte ich nie wirklich. Da bin ich auch nicht unbedingt so der Typ dafür. Allerdings hat man bei einem Aufenthalt von nur einem halben Jahr aber meist auch weniger Heimweh, da man beispielsweise an Weihnachten (beliebter Heimwehtag) ja schon fast zu Hause ist. Dennoch würde ich jedem, der mit der Idee, Austauschschüler zu werden, spielt, empfehlen, für ein ganzes Jahr zu bleiben. Meine Entscheidung hatte schulische Gründe, deren Erläuterung an diesem Punkt zu weit gehen würden und im Nachhinein war die Entscheidung für meine weitere Schulkarriere wahrscheinlich die Beste, aber im Grunde ist ein halbes Jahr viel, viel zu kurz.

Kurze Randnotiz: Mein Weihnachten war ziemlich absurd, da:

1. wir das erste mal im ganzen Jahr an einem dafür bestimmten Tag nicht in der Kirche waren (und ich bis heute nicht ganz genau weiß, wieso),

2. wir Verwandte in Florida besuchten, es dort ca. 20°C warm war und mir von einigen Mädchen, die in Hotpants an einem Weihnachtsbaum im Einkaufszentrum vorbeigingen, die Weihnachtsstimmung so ziemlich genommen wurde,

3. mein Gastvater bis zum 2. Januar brauchte, um seine Geschenke aufzumachen, und

4. ich feststellen durfte, dass der Apfel manchmal eben doch ziemlich weit vom Stamm fällt. Der Großvater meiner Gastgeschwister war nämlich kein bisschen religiös, rauchte wie ein Schlot und fluchte praktisch nonstop (an meine Gastschwester Kelley, die mittlerweile bei der Navy war: "What are you doing now? Navy?! Oh, fuck that shit! You´re fighting for Bush! If you ask me, he´s an asshole!"). Knapp drei Wochen nach Weihnachten ging es für mich dann schon wieder zurück. Ich glaube, der wichtigste von vielen wichtigen Aspekten dieser insgesamt unglaublich lehrreichen und schönen Zeit war für mich die Erkenntnis, mit Menschen, deren Ansichten und Werte sich fundamental von meinen eigenen unterscheiden, zusammenleben zu können. Zu keiner Zeit spielten unsere Unterschiede für irgendwen eine Rolle oder beeinträchtigten meine wirklich gute Beziehung zu meiner Gastfamilie. Durch den Einblick in das Leben dieser wunderbaren Menschen hat sich bei mir ein völlig neues Verständnis für Toleranz gebildet.

Auch heute habe ich noch Kontakt zu Freunden und Familie vor Ort. Letzten August habe ich viele , wenn auch leider nicht alle von ihnen wieder gesehen, als ich mit meiner Familie einen USA-Roadtrip mit Stop in Brevard, North Carolina gemacht habe.

Jakob Guhl, 18 Jahre

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