Erfahrungsberichte High School China

Beijing, China, Asien, das andere Ende der Erde
[ Jahres-Programm "Capital Normal School, Peking" ab August 2009 ]

September

Erfahrungsbericht Heidi 2009Nun bin ich also dort und hier. Vor ziemlich genau einem Monat landete ich im Beijinger Sonnenaufgang. Nach einem 12-Stunden-Flug von Hamburg über Paris. Der eigentliche Beginn meiner großen Reise war Bad Doberan, eine Kleinstadt im Mecklenburger Nichts. Die Schule hatte ich grade beendet, mein Abitur in der Tasche. Folglich würde ich in diesem Jahr einen neuen Lebenskreis betreten, dass war seit langem klar. Wie sich dieser gestalten sollte allerdings weniger. Ich hatte den Traum, den Wunsch eines Auslandsjahres bereits in der 10. Klasse, dort fehlte allerdings die finanzielle Möglichkeit. Doch die Neugier, die Reiselust und die Idee blieb, wollte dann nach der Schule verwirklicht werden. Ich bewarb mich ein Jahr vor meinem Abschluss für Freiwilligen-, Friedens- und Behindertenarbeit in verschiedenen Ländern Europas und für das Nordlichtstipendium. Unglaublich überraschend und unerwartet kam für mich die Zusage von Nordlicht, ich hatte stets gehofft aber nie ernsthaft damit gerechnet. Und es auch nicht wirklich geglaubt bis ich dann doch tatsächlich auf dem Flughafen stand. Es war und ist für mich eine einzigartige Chance.
Meine Gedanken in der Zeit zwischen Stipendienzusage und Abflug verirrten sich aber selten bis nach China, viel zu sehr war ich mit Abitur und Abschied beschäftigt. Für mich war dieser Sommer vorerst der letzte in der alten Heimat, mein Freundeskreis zerstreute sich nach der Schule in die verschiedensten Himmelsrichtungen und auch mich wird es nach meiner Rückkehr nicht nach Hause sondern in eine neue Stadt zum Studieren ziehen. Ich nutze die mir bleibende Zeit um noch laufenden Projekte bestmöglich zu beenden, teilte sie mit Freunden und Familie. Weniger mit mir und meinen Gedanken an das Kommende. KulturLife gab mir auf dem Vorbereitungstreffen die Worte "Nur wer die alten Ufer loslässt kann die neuen entdecken" mit auf den Weg. Und ich nahm sie mir zu Herzen.
Damit stand der Sommer weniger im Zeichen des vorbereiteten Aufbruchs, vielmehr des Abschiedes und des Auskosten des Augenblickes. Und so flog ich dann Ende August an das andere Ende der Welt, doch ein bisschen überrascht als ich dann schließlich im Flugzeug saß. Ich würde wieder zur Schule gehen. Chinesisch lernen. Einmal monatlich einen Bericht schreiben. Das wusste ich, das wurde mir gesagt. Was ich aber wirklich in China wollte, war zu dem Zeitpunkt für mich noch eine große Frage (und ich bin immer noch gespannt, was dieses Jahr bringen wird). Schon immer faszinierte mich die ferne, chinesische Kunst und Kaligrafie, alles was ich bisher vom Reich der Mitte gehört hatte. Wie wollte ich das Jahr gestalten? Anfangs beschäftigte mich die Frage nur im Untergrund - viel zu sehr brannte ich darauf möglichst viel zu sehen, zu erleben - doch umso mehr ich mich einlebte umso intensiver kreisten meine Gedanken.
Ich begriff mit der Zeit vieles. China war so viel mehr, dieses Stipendium ein Privileg. Ich bekam zu spüren, wie wenig ich eigentlich wusste. Wie unglaublich viel es noch zu lernen und erfahren gab. Bekam Impulse aus verschiedensten Richtungen, brauchte viel Zeit für mich zum Reflektieren, Verstehen. Und ich versuchte Ideen zu entwickeln, um meine Erfahrungen und Erlebnisse, meine Zeit hier auch für andere nutzbar zu machen.
Ich landete inmitten einer gigantischen Stadt von mir bisher unbekannter Größe. Trotz der Ungewissheit im Bauch beflügelt von einem Gefühl zwischen "ausgezogen - allein - frei - eigenverantwortlich" und dem Drang, eine Stadt mit all ihren Menschenlebens-, Kultur- und Geschichtsgeschichten kennen zu lernen. Überwältigt des ersten Sehens, Hörens, Schmeckens, Riechens und Fühlens Beijings.
Ich sehe chinesische Kinder (die mich ansehen, als wäre ich mindestens eine Außerirdische), gemütliche Alte, Straßenfeger, Uniformierte, laute Taxifahrer, aufdringliche Rikschafahrer, noch zappelnde Skorpion auf dem Spieß - Verkäufer,...traditionelle Hutongs, westliche Einkaufsstraßen mit Kentucky Fried Chicken, Märkte mit Larven, Mäusen und Seesternen, ein Verkehrschaos. Höre Lärm, konsequent. Hupende Autos und Taxis, klingelnde Fahrräder, schreiende Menschen, Radio- und Straßenmusik. Die Luft ist voller Kommunikation auf den verschiedensten akustischen Wegen, dazu natürlich die Sprache. Sie klingt noch so furchtbar schön fremd, sie ist einfach singend und anders. Die chinesische Radiowerbung in den Taxis ist gelegentlich ein wenig Nerven raubend, aber gehört zu dem Taxi. Wie die ganze Prozedur des Heranwinkens, Zielverständlichmachens, Wegerklärens. Sowie der Tatsache, dass der Gast stets von der rechten Seite einsteigen muss, die hintere linke Autotür ist verschlossen. Und es riecht nach bisher aus Deutschland bekannten chinesischen Restaurants. Nach Frittierfett, unbekannten Gewürzen, den Verkaufständen und -wagen auf den Straßen. Und nach Abgasen. Nach Großstadt.
Das chinesische Essen ist schwer vergleichbar mit dem in Deutschland erhältlichen. In Beijing selbst kann man alles bekommen, von Bad Schwartauer Himbeermarmelade über Baguette zu Schokolade von Lindt. Wer das gewohnte Essen also zu sehr vermissen sollte, wird fündig. Ansonsten ist die Chinesische Küche so wunderbar abwechslungsreich an Gemüse- und Fleischgerichten, dass für jede/n etwas dabei sein sollte. Tipps bezüglich dessen zu geben ist viel zu schwierig, so unterschiedlich ist doch der Geschmack. Ich habe in meinem ersten Monat hier fast jegliche Scheu abgelegt und nahezu alles mir Angebotene probiert. Was ich auch jeder/m empfehlen würde. Denn gebratene Skorpione schmecken schlichtweg salzig und knusprig, je mehr wir die Scheu vor dem Probieren ablegen umso mehr werden wir letztendlich erfahren und mitnehmen.
Ja, und wie fühlt sich Beijing an? Nach der einen Woche Quarantäne aufgrund der Schweinegrippe wurde ich sehr freundlich im Internat der Capital Normal University attached High School aufgenommen. Meine Mitbewohnerinnen wurden zu kleinen Schwestern, eine 15 jährige Koreanerin und ein 14 jähriges Mädchen aus Malaysia. Ich helfe bei Englischhausaufgaben, tröste bei Heimweh. Nachsichtig erklären sie mir dafür die Nutzung chinesischer Waschmaschinen, bestaunen Familienphotos, sind belustigt von meiner Faszination für die vielen kleinen, für mich neuen Dinge. Das Internat ist ein bunter Mix aus Korea, Malaysia, Kasachstan, Russland und der Mongolei, im Alter von 14 bis 19. In diesem Jahr kamen wir zwei Deutsche hinzu und ein Spanier. Es macht Spaß mit diesen Menschen so verschiedener Herkunft zusammenzuleben, die kulturellen Unterschiede zu entdecken. Aber viel mehr auch wieder zu der Erkenntnis zu gelangen, dass uns Jugendliche egal welcher Nationalität eigentlich überhaupt nichts trennt.
Jeden Tag von 8 Uhr bis 15 Uhr habe ich nun Unterricht in Chinesisch, als absolute Anfängerin. Es war auch eine Herausforderung für die Lehrer, welche zum Teil nur ein paar Brocken English sprechen konnten. So versuchte ich vielmehr Chinesisch auf Chinesisch zu lernen, was gelegentlich doch sehr anstrengend und frustrierend war. Nach der ersten Woche verstand ich schon mehr, der eigentümliche Singsang der Sprache schien sich in erste Worte aufzulösen. Mittlerweile genieß ich den Unterricht sehr, kann schon den chinesischen Text zur Bruder Jakob Melodie singen. Mein eigenes chinesisches 13. Schuljahr bringt jeden Tag Neues, viel zu anders sind Umwelt und Menschen, um irgendwo Langeweile aufkommen zu lassen. Zu den Mahlzeiten setze ich mich an fremde Tische zu chinesischen Schülern falls ich keine schon bekannten Gesichter entdecken sollte. Und frage, lass mir erzählen, lass mich ausfragen. Es sind interessante Geschichten, von den Cambridge- und Harvard-Träumen der hart arbeitenden High School Schüler, über Einstellungen, Vorurteile. Weltbilder werden ausgetauscht, von den zwei verschiedenen Enden der Erde. Probiere meine ersten chinesischen Sätze aus, werde für blonde Haare und blaue Augen bestaunt. Neben dem Sprachunterricht unterstütze ich mit meiner Querflöte den Musical Club, lerne Afrikanisches Trommeln, Fotografiere für den Foto Club. Gemeinsam mit den chinesischen Schülern, lebe mich immer weiter ein, bekomme ein Gefühl für die Laute, Worte, ersten Sätze, langsamen Dialoge. Doch umso mehr ich mich in den Schulalltag eingewöhnte umso mehr Zeit hatte ich auch mich mit dem Leben außerhalb zu beschäftigen. Gemeinsam mit einer chinesischen Studentin wanderte ich am Wochenende durch einen der vielen Stadtparks, reihte mich dort ein in eine Gruppe von Frauen die ihre Morgenübungen praktizierten, tanzte mit einem uralten Chinesen einen traditionellen Paartanz, genoss Straßenmusik. Probierte mein Chinesisch wann immer sich irgendwo geduldige Ohren fanden. Kam ins Gespräch mit anderen ausländischen Studenten und Touristen, über das woher und wohin, Empfehlungen und Eindrücke. Wir schlenderten über Flohmärkte, ich stellte Fragen über Fragen, wollte die Geschichte hören zu all den alten Dingen, Zeugen einer so faszinierenden, so anderen, so viel älteren Kultur.
Ich möchte in China mehr lernen als Chinesisch, mehr sehen als die Schule und die Große Mauer. Denn China ist wunderbar viel mehr als das.
So stehe ich am Ende meines ersten Monats in dieser neuen Welt, die ich nicht so schnell wieder verlassen möchte. In dieser ersten Zeit habe ich mich orientiert, gelernt mich zurechtzufinden. Nun suche ich nach meinen Aufgaben. Die Partnerorganisation von KulturLife wird mir helfen während der langen Winterpause Arbeit zu finden, im sozialen Bereich oder als Englischlehrerin an einer Grundschule. Weiteres wird sich auf dem Weg ergeben, ich freu mich auf jeden neuen Tag.
Selbstverständlich sehne ich mich selten (aber manchmal) zurück an die Ostsee, doch nie aus Einsamkeit oder Langeweile. Schon dieser erste Monat hat mir so viel gegeben, dass ich bereits jetzt ahne, dass mir sehr viele Dinge fehlen werden, sobald ich irgendwann wieder in Europa lande...

Heidi

Oktober

Der Oktober begann für mich mit 8 Tagen Ferien. In China gibt es eine große Sommerpause, einen Monat frei im Winter und die Tage um den Nationalfeiertag, die National Holidays. 60 Jahre Volksrepublik China war auf den Bannern und Plakaten in den Straßenzügen zu lesen - für mich waren zumindest schon mal die "60" und die Charaktere für "China" erkennbar. Vor allen Geschäften und öffentlichen Gebäuden hing die rote Flagge mit ihren fünf gelben Sternen: Der große für die Führung der kommunistischen Partei, die vier kleinen für Bauern, Arbeiter, Kleinbürger und patriotischen Kapitalisten. Für mich war es eine sehr neue Erfahrung, einen so starken Nationalstolz zu erleben. Ich habe in Gedanken versucht die Situation auf Deutschland zu übertragen, einen Nationalfeiertag mit ähnlichem Aufmarsch, angemalten Gesichtern in den Landesfarben, aus den Lautsprechern Liedtexte "Ich liebe mein Land" und eine Militärparade wie sie einen ganzen Tag lang auf dem Platz des Himmlischen Friedens abgehalten wurde. Unterhaltungen über Deutsche Geschichte hatte ich erst zwei, welche sehr verschieden ausfielen. Die mir bisher begegnete Haltung zu Deutschland war vor allem geprägt durch gute Autos, gutes Bier, gut aussehende Menschen und gute Technik. Und Erstaunen als ich auf die Frage nach meinem Lieblingsauto nicht spontan antworten konnte. Ich hatte das Gespräch über Deutsche Geschichte nie gesucht, wurde dann aber von einem Schulfreund sehr direkt angesprochen: Was hältst du von Hitler? Scheinbar unzufrieden mit meiner Antwort meinte er, ich solle nicht das antworten, was wir in der Schule lernen, sondern was ich wirklich denke. Perplex reagierte ich mit der Gegenfrage, nach seiner Einstellung zu Hitler. Ein großer Mann, vergleichbar mit Napoleon, Cäsar, Bismarck, bekam ich zu hören. Ich dürfe nicht nur die Nachteile sehen, sondern auch beachten, was er geschafft hat...Ich war überrascht von seinem Geschichtswissen, doch noch viel mehr von seinem Ergebnis des Abwägens der "Vor- und Nachteile" Hitlers. Und die Menschenleben?, hakte ich noch einmal kurz nach. Ein gleichgültiges Schulterzucken seinerseits: Ist doch vergleichbar mit Maos Kulturrevolution. Wir wechselten bald das Thema. Anders das Gespräch mit meiner koreanischen Mitbewohnerin. Sie war wiederum erstaunt über mein Geschichtswissen, in der Annahme die deutsche Regierung handhabe es wie die Japanische, ließe die Geschichtsbücher einfach über ganze Kapitel schweigen.

Aber abgesehen von politischen Denkanstößen gab es für mich in diesen Tagen auch sehr viel Kulturelles zu erfahren. Denn ich lebte für die Ferien in einer chinesischen Familie - bei einer Studentin und ihren Großeltern.

Neben dem wunderbaren Gefühl wieder in einer Familie aufgefangen zu sein, lernte ich vieles über Chinesische Tradition und das "wirkliche" chinesische Leben außerhalb meines internationalen Internatsflurs, über die Wichtigkeit des Heiratens bis hin zu Altersvorsorge. Dabei hatte ich das Glück, dass meine Gastschwester sehr gut Englisch sprechen und so unheimlich viel erklären, Fragen beantworten konnte. Ich durfte mit der Großmutter kochen, konnte sogar selbst eine ganze Mahlzeit zubereiten. Und habe mich schließlich noch mehr in das Chinesische Essen verliebt. Durch Ausflüge mit meiner Gastschwester bekam ich noch mehr Ecken von Beijing zusehen, bestaunte im Beijing Zoo sowohl den faulen Pandabären als auch die begeisterte Menge Chinesen, ihr Lieblingstier von allen Seiten fotografierend. Und lernte nun die Bruder-Jakob-Melodie auch auf dem traditionellen Gu Zheng spielen. Außerdem durfte ich nach einem Monat in Beijing die für mich so ungewohnt gigantische Stadt endlich mal aus einiger Entfernung betrachten. Wir sind in die umliegenden Berge gefahren, haben eine befreundete Familie besucht, bei der Apfelernte geholfen. Zwar hatte ich doch schon einige Parks in Beijings selbst entdeckt, doch tat es gut wieder ein wenig mehr Natur zu fühlen. Und natürlich vergingen die Ferien viel zu schnell.

Am ersten Tag zurück in der Schule wurde ein Sportfest abgehalten, jede/r musste in drei Disziplinen teilnehmen, hauptsächlich Leichtathletik. Das Spannende war weniger der Wettkampf sondern vielmehr die Eröffnungsveranstaltung. Jeder Jahrgang marschierte im Gleichschritt auf, in ihren Uniformen. Die chinesischen Schuluniformen sind wie Jogginganzüge geschnitten, haben verschiedene Farben und Embleme, abhängig von Schule und Jahrgangsstufe. Die chinesische Flagge wurde feierlich gehisst, die einzelnen Paraden führten noch Tänze oder Turnübungen vor. Auch wir vom International Department mussten aufmarschieren, unsere jeweilige Flagge tragend. Vorgeführt wurde von uns allerdings nichts. Die Lehrer waren doch erleichtert, dass wir zumindest fähig waren uns in einer Gruppe gesammelt fortzubewegen - die Disziplin der Chinesen ist beeindruckend.

In der Schule hatten sich die Kontakte schneller aufgebaut als erwartet. Zwar waren sie meist oberflächlich, aber es waren Bekanntschaften. Eine richtige Integration mit meinen Chinesischkenntnissen war bisher einfach schwierig. Obwohl für mich meist versucht wird in der Gruppe Englisch zu sprechen oder zumindest jemand für mich übersetzt, ist es doch für beide Seiten anstrengend. Mittlerweile lächle ich einfach jeden an, der mir in der Schule entgegenkommt und werde von vielen gegrüßt, deren Namen und Gesichter ich schon gar nicht mehr zuordnen kann. Sehr freundlich, aufgeschlossen und mit sehr viel Interesse wurde ich aufgenommen, im Internat und in den Clubs, denen ich neben dem Sprachunterricht beigetreten bin. Da allerdings kein Unterricht in Kaligraphie angeboten wurde, habe ich nach Kursen an der benachbarten Universität gefragt. Ich wurde von Büro zu Büro geschickt, verwundert angeguckt, freundlich weitergeleitet oder barsch abgewiesen - bin aber letztendlich fündig geworden und lerne nun nachmittags einmal die Woche Kaligraphie sowie Taiji an der Uni.

Auch dort traf ich auf viele neue Menschen, auch einige ausländische Studenten. Es ist immer wieder eine lustige Situation, "Overseas" auf der Straße zu begegnen. Es ist so offensichtlich: Ein Blick in nicht schwarze oder dunkelbraune Augen, keine schwarzen Haare, meistens dann ein breites Grinsen und bei Zeit noch die Frage nach dem woher und wohin. So traf ich auf eine britische Journalistin, eine amerikanische Auswandererfamilie,...Unser so anderes Aussehen ist eine wunderbare Möglichkeit, schnell Kontakt zu finden - doch unabhängig davon wie gut mein Chinesisch irgendwann sein wird, eine Ausländerin werde ich trotzdem immer bleiben.

Eure Heidi

November

Pünktlich zum ersten November hat es das chinesische Amt für Wetterregulation schneien lassen. Was eigentlich hätte Regen werden sollen, wurde aufgrund der Minusgrade schließlich doch zu Schnee. Ein Verkehrschaos und wunderbare Schneeballschlachten folgten. Es war schon ein schönes Bild, wie diese zusammen gebastelte, laute, schmutzige Stadt plötzlich so sachte weiß wurde. Doch da auch die Heizungen zentral geregelt sind und erst ab Mitte November eingeschaltet werden dürfen, war es sowohl im Internat als auch in den Klassenräumen recht kalt. Und ich erkältete mich schließlich.
Die allgemeine Schweinegrippehysterie hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelegt, ein Mundschutz war an jeder Ecke erhältlich, manchmal mit ganz kreativen Aufdrucken wie ein durchgestrichenes "H1N1". Sowieso wurde beim Betreten der Schule die Temperatur kontrolliert, im Internat lebende Schüler sollten eigentlich jeden Tag die Werte in ein Formblatt eintragen und Ende des Monats abgeben. Eine sinnlose Bürokratie, denn uns wurden die Zettel wie auch schon im Oktober erst eine Woche vor Monatsende ausgehändigt. Und die Lehrer wiesen uns an, einfach einigermaßen realistische Werte frei einzutragen.
Nun war ich also krank, bat die Lehrer, mich ein paar Tage ausruhen zu dürfen. Durch meine Grippesymptome wurde ich nach langer Diskussion dann allerdings doch ins Krankenhaus bestellt, gemeinsam mit zwei Betreuerinnen von der chinesischen Partnerorganisation. Eigenständige Arztpraxen scheinen hier weniger verbreitet zu sein, jedes Problem wird im Krankenhaus behandelt. Dementsprechend mussten wir lange warten, um schließlich festzustellen, dass mein Bargeld nicht ausreichte um mich einem Arzt vorstellen zu lassen. Aber für den 7,80 € - Schweinegrippetest hat es immerhin noch gereicht. Nach weiterem, müdem Warten im Krankenhausflur auf das Testergebnis bekam ich schließlich die präzise Angabe ich hätte "almost H1N1". Ein Schulterzucken der Krankenschwester, ein Schulterzucken der Betreuerinnen. Ich hätte jetzt die Wahl zwischen Internat und Grippekrankenhaus. Schließlich bin ich zurück ins Internat, mit meiner aus Deutschland mitgebrachten Medizin und einfach einem unglaublichen Schlafbedürfnis. Doch auch dabei blieb es nicht lange, denn die Partnerorganisation meinte es besonders gut und ließ mich in ihr Büro kommen, "to have a better rest". So verbrachte ich die nächste Woche auf einem ausgezogenen Ecksofa in einem chinesischen Großraumbüro, verpflegt mit heißem Wasser und Bananen, die Nächte in der Familie meines Guardians.
Als es mir dann wieder besser ging, begleitete ich sie zu einem regionalen Fischmarkt. Zum Krabbenkaufen. Mitte November ist die beste Zeit für diese speziellen chinesischen Krabben, sie gelten als Delikatesse. Es war ein schaurig-interessanter Anblick, die Körbe lebendiger, nach Freiheit strampelnder Krabben, die ganzen oder in ihre Einzelteile zerlegten Fische, Schildkröten und andere Wassertiere. Und die zugehörigen schreienden und feilschenden chinesischen Verkäufer. Den Kofferraum voller noch krabbelnder Krabben sind wir dann zu Hause angekommen, lebendig wurden sie gekocht, am Tisch die Panzer aufgebrochen und das Fleisch herausgestochert. Eine Delikatesse, also.
Der letzte Teil des Novembers, welchen ich dann wieder gesund im Internat verbrachte, wurde recht bunt durch viele kleine Unternehmungen. Gemeinsam mit einem Schulfreund und zwei angehenden Englischlehrerinnen einer anderen Uni sind wir wieder in die Berge gefahren. Zudem musste ich mir ein neues Handy kaufen, was wie bei jedem Kauf, als Ausländer ungemein schwierig ist. Ich bin noch unsicher, wie wir uns als Austauschschüler beim Einkaufen am besten geben sollten. Ohne Schuluniform werden wir als Touristen abgestempelt und getrickst. Mit Schuluniform werden wir zwar als "mehr chinesisch" anerkannt, mit der gleichzeitigen Erwartung von mehr Sprachkenntnissen. Dadurch dass wir aber trotzdem so gut wie nicht handeln konnten, hoffnungslos auf Chinesisch zugequatscht wurden, zahlten wir am Ende auch wieder weitaus mehr als Einheimische es getan hätten. So gerne ich doch unabhängiger wäre, beim Einkaufen auf Märkten oder von teureren Gegenständen sollte doch immer ein Chinese dabei sein.
Ebenfalls versuchte ich das erste Mal, etwas mehr als nur einen Brief in die Heimat zu schicken. Eine Odyssee. Denn es gibt verschiedene Arten von Postbüros, wie ich erfahren durfte. Jenes, welches bisher alle meine Briefe angenommen hatte, streikte bei einem kleinen Päckchen. Die darauf folgende Wegbeschreibung zum nächst größeren Postbüro verstand ich nicht, fragte mich aber durch und schließlich erbarmte sich sogar ein Student, begleitete mich und half zu übersetzen. Am Schalter musste ich schließlich mein Päckchen wieder öffnen, allen Kleinkram hervorholen, vom Postbeamten überprüfen lassen. Dieser stopfte es dann recht lieblos in einen Einheitskarton der China Post, versiegelte es und gab mir einen Stoß Papiere zum Ausfüllen. Mit Hilfe des Studenten kämpfte ich mich durch alle Angaben, von Inhalt über Gewicht jedes einzelnen Teils und Wert musste alles genau aufgeschrieben werden. Bezahlt, Stempel bekommen. Müde verließen wir nach über einer Stunde dann das Postbüro, ich unheimlich dankbar für die mir so bereitwillig angebotene Hilfe und Geduld. Das Päckchen hat es schließlich bis nach Deutschland geschafft, wurde allerdings vom Zoll abgefangen und musste dort ausgelöst werden. Irgendeine Angabe schienen wir doch vergessen zu haben.

Heidi

Dezember

Ein eindrucksvoller Dezember war das. Mit vielen Erlebnissen, chinesischen und internationalen Begegnungen, einem unweihnachtlichen Weihnachten und dem auf dem Vorbereitungsseminar bereits vorhergesagten Motivationsloch.
Und ja, es existiert wirklich, das auf dem Vorbereitungsseminar versprochene, weihnachtliche Motivationsloch. Obwohl auch im Dezember jede Menge los war, wanderten die Gedanken doch öfter zurück nach Deutschland. Meinen mitgereisten Europäern ging es nicht anders, und so zogen wir uns eher gegenseitig runter als uns aufzubauen. Ich denke nicht, dass es explizit an Weihnachten lag. Denn den Chinesen ist unser Weihnachten weitestgehend herzlich egal und so existiert maximal Weihnachtsdekoration in Schaufenstern, Hotels und westlichen Restaurants. Gefeiert wird es nicht, zumindest nicht von der älteren Generation und auf keinen Fall vergleichbar mit anderen traditionellen Festen. Auch wenn sich durch die Dekoration wirklich Mühe gegeben wird, mit den neuen westlichen Festen mitzuhalten, so fanden wir auch Slogans wie "Happy Christmas 2010" und rätselten, ob vielleicht Weihnachten mit unserem Silvester verwechselt wurde oder dieses Plakat die universal einsetzbare Kurzversion sei. Aber da nichts wirklich an das bekannte Weihnachten erinnerte, blieb zumindest heftiges Heimweh einigermaßen aus.
Ich besuchte wieder meine Gastfamilie, bei welcher ich in den Oktoberferien gelebt hatte. Ich brachte ihnen deutschen Kleinigkeiten mit, erzählte ihnen von unseren Weihnachtstraditionen und wir hatten ein winziges chinesisches Weihnachten. Die restlichen Feiertage verbrachte ich mit Freunden - Schlittschuh laufend und festlich essend.
Auch machte ich mich Heiligabend auf zur Internationalen Gemeinde, um einen Weihnachtsgottesdienst zu feiern, gemeinsam mit Menschen aus aller Welt, die es hierher gezogen hatte. Es ist immer wieder spannend die ganzen Geschichten des "Wohers" und "Wohins" zu hören. Es besteht eine wundersame Verbundenheit zwischen denen, die halt "nicht chinesisch" aussehen. Die lustigste Situation hatte ich einmal mit einem Afro-Amerikaner, der mich an der Supermarktkasse begrüßte, als seien wir selbstverständlich Freunde - sind ja schließlich beide Fremde.
In Beijing selbst habe ich auch in diesem Monat wieder neue Ecken entdeckt. So waren wir im Beihai Park, wanderten durch die Hutongs, bestiegen den Glockenturm. Auch traute ich mich zum Frisör (für umgerechnet 1 €), in der Hoffnung richtig verstanden zu werden. Wurde ich, dafür aber auch wieder ausgefragt. Ich rede gerne mit den Menschen, zum einen um meine paar Brocken Chinesisch auszuprobieren, zum anderen, weil mich das Interesse ehrlich freut. Das Interesse an Ausländern, an Neuem, an unserer Kultur, an Deutschland. Und auch um Bilder gerade zu rücken. Zu versichern, dass die Mauer wirklich gefallen ist. Zu betonen, dass wir uns nicht mehr mit "Heil Hitler" begrüßen. Zu berichten, dass es tatsächlich auch in Deutschland Obdachlose gibt. Ich bin auf Chinesen mit sehr komplexem Wissen über deutsche und europäische Geschichte getroffen, allerdings auch schon auf einige, in deren Vorstellung unsere Welt vor 60 Jahren stehen geblieben zu sein scheint.
Der Unterricht war der gleichbleibend mühsame Versuch der Lehrer, widerspenstige europäische Köpfe aufnahmefähig zu machen für ihre Sprache. Allerdings wurde in diesem Monat auch eine neue Unterrichtsmethode ausprobiert: Singen.
So sangen wir, "Wo he Ni" (You and me), ein bekanntes Lied aus der Zeit der Beijinger Olympiade. "Du und ich, von einer Welt, wir sind eine Familie, Fernweh, 1000 Meilen, treffen wir uns in Beijing. Komm Freund, gib mir deine Hand…" Es sah wohl doch recht niedlich aus, wie wir da sangen, Europäer auf chinesisch, schließlich brachten uns die Lehrer zu einem Wettbewerb für ausländische Schüler in Beijing. Und so geschah es dann, dass wir auf der Aulabühne einer von Beijings Mittelschulen standen, begleitet von der Gitarre eines anderen spanischen Schülers. Wir gewannen den zweiten Platz, was nicht unbedingt heißt, dass wir wirklich so unglaublich toll waren. Gefühlt waren wir es nicht. Dafür erhielten wir den Preis von Beijing, die Auszeichnung ist uns immer noch ein Rätsel. Bei der nächsten Feier unserer Schule standen wir, ein wenig gezwungenermaßen, wieder auf der Bühne, diesmal aber lustiger anzusehen: Die Aufführung vor unserem Auftritt war eine Darbietung der Peking Oper. Als die Schüler von der Bühne gingen, liehen wir uns schnell ein paar Kostüme, und standen schließlich in jeweils zu kleiner und zu großer, bunt chinesischer Kleidung, blond und breit grinsend vor chinesischen Schülern und Lehrern.
Und ich sang es noch ein letztes Mal, diesmal allein, vor einer Schar neugieriger Studenten. Eine Freundin hatte mich zur Weihnachtsfeier des "English Clubs" ihrer Uni eingeladen. Eine lustig große Runde, viele kleine Vorführungen der Studenten, für einen Englischclub unerwarteterweise alle auf Chinesisch. Bis mich die Moderation dann irgendwann entdeckte. So sang ich wieder, bekam Applaus, im nachhinein viele interessierte Fragen - und eine Weihnachtsmannmütze.
Zwar hatten wir in unserer Schule keine derartige Weihnachtsfeier, dafür aber eine Silvesterparty. Es war eine dieser typischen, liebevoll vorbereiteten Schulfeiern: Im Kreis aller Internationalen, mit zwei sehr aufgeregten Moderatoren, ein paar Spielen und kleinen Aufführungen; Ich spielte Querflöte. So verbrachten wir den Silvestermorgen zusammen, die Lehrer waren auch dabei. Es ist beinahe wie eine große Familie. Da fast alle ausländischen Schüler in der Schule leben, ist der Kontakt mir den Lehrern des International Departments sehr nah. Es war ein schöner Jahresabschluss und Beginn der drei freien Neujahrstage. Und schließlich versuchten wir uns auch in der chinesischen Variante des Eierlaufens: Pingpongbälle mit Essstäbchen zu tragen.

Januar

Abgesehen von unserer morgendlichen internationalen Silvesterparty, wurde "unser" Neujahr nicht weiter gefeiert. Die Internatsregeln und Ausgangszeiten machten auch an diesem Tag keine Ausnahmen. So waren wir um 22 Uhr wieder in unseren Räumen, spielten Schach bis Mitternacht, um den Beginn des neuen Jahres wenigstens nicht zu verschlafen. Aufgrund der Zeitverschiebung hatten wir schon sieben Stunden von 2010 hinter uns, als in Deutschland vermutlich grade angestoßen wurde. Wir stellten uns den Wecker auf 7, die Neujahrsgrüße kamen also pünktlich an, anschließend besuchte ich mit ein paar chinesischen Studenten den Park der Minderheiten in Beijing. Ein großes Gelände, auf dem jede der 56 Minderheiten Chinas ihre Kultur, Tradition und teilweise auch Geschichte vorstellt. Wir wanderten unter tibetischen Gebetsfahnen lang, an einem Nachbau der Portala aus Lhasa vorbei. Sie erzählten mir von den Miao, Li, Wei, Hui…ich konnte mir weder alle Namen noch alle Besonderheiten merken, doch ich sah viele, viele Bilder, Modelle, Trachten, Instrumente. Was blieb, war eine leise Ahnung der kulturellen Vielfalt und der für mich noch immer schwer vorstellbaren Größe dieses Landes. Und die Gewissheit, dass ich am Ende des Austauschjahres vielleicht behaupten darf, einen Teil Beijings kennen gelernt zu haben, dass mir aber China als Heimat von mehr als 1300 Millionen Menschen aus den verschiedensten Kulturen doch immer noch unbekannt ist.
Als anscheinend außergewöhnliche Veranstaltung gab es an diesem Neujahrsmorgen eine Tanzvorführung in traditionellen Kostümen, an der Vertreter aller Minderheiten beteiligt waren. Es wurde zum Mitmachen eingeladen, allerdings waren aufgrund der Tageszeit und Kälte wenige Besucher da. So wurde ich mit einem roten Seidentuch umwickelt, mir ein Fächer in die Hand gedrückt, die Tanzschritte gezeigt - und ich tanzte mit, als 57. Minderheit? Auf jeden Fall schaffte ich es in die Beijinger Tageszeitung, wie mir eine Lehrerin dann nach den drei Tagen Neujahrsferien begeistert zeigte. Da die zuschauenden Studenten dem fotografierenden Reporter wohl auch meine Nationalität etc. gesagt hatten, konnte mich der Tante-Emma-Laden Besitzer gegenüber der Schule nun jeden Morgen mit meinem Namen begrüßen.
An dem noch verbliebenen Ferientag ging ich gemeinsam mit Mitschülern Snowboarden, in der Nähe von Beijing war ein Berg mit künstlichem Schnee präpariert worden. Überrascht hat mich das einzige, den Alpenhütten nicht nur nachempfundenen, eigentlich perfekt kopierte Restaurant. Wir hätten genauso gut in Bayern oder Österreich sein können, nur dass dort nicht fast ausschließlich Chinesen an den Holztischen mit blau-weiß karierten Tischdecken sitzen, unter Fotos und Pistenplänen der Alpen, neben der Dekoration aus alten Skis und Bierkrügen. Ein sehr lustiges Bild.
Schließlich begann der Unterricht wieder, die letzten drei Wochen von unserem ersten Semester. Die Lehrer fingen an, uns auf die Semesterabschlussprüfungen vorzubereiten. Wir lernten unter anderem hilfreiche Wörter zu schreiben wie "das Geräusch, welches ein Wassertropfen verursacht, wenn er vom Berg fällt" ( dingdong ). Nach viereinhalb Monaten Sprachunterricht ohne Vorkenntnisse konnten wir nun schon die einfachsten Dinge verstehen, schreiben oder sprechen. Uns und unsere Familien vorstellen. Sagen, wohin wir gehen. Obst und Gemüse kaufen. Den Weg beschreiben und nach dem Weg fragen. Über Hobbies reden. Erklären, was wir mögen und was nicht. Ich habe nicht das Gefühl, Chinesisch sonderlich schnell zu lernen. Meine Aussprache ist noch zu schlecht, und ich verstehe außerhalb der Schule um mich herum Gesprochenes meistens nur vage. Trotzdem waren die Abschlussprüfungen eine Gelegenheit zu sehen, DASS wir zumindest einiges gelernt hatten, und dass dieses Gelernte schon recht umfangreich ist. Trotzdem bestellte ich in dem kleinen Restaurant, in dem wir für gewöhnlich an den Wochenenden oder abends aßen, immer wieder die gleichen Gerichte, da ich nur einen kleinen Teil der Speisekarte verstand und nicht die Geduld hatte, alles mühsam nachzuschlagen. Nach diesen vier Monaten gehörten wir aber quasi schon zum Laden dazu, daher hatte die Besitzerin eine Karte mit handgeschriebenen englischen Untertiteln extra für uns eingeführt.
Noch vor unseren Abschlussprüfungen hatte ich gemeinsam mit den chinesischen Schülern die Aufführung unseres englischsprachigen Musicals, "Sounds of Music". Anlass war der Besuch amerikanischer Lehrer an unserer Schule. Außerdem nahm ich für zwei Wochenenden an dem Kurs "Cross Cultural Communication" teil. Ich hatte endlich ein englisches Angebot gefunden. Gesprochen wurde über die Unterschiede westlicher und chinesischer Kultur, die verschiedenen Religionen und Weltbilder. An einem anderen Wochenende besuchte ich gemeinsam mit einem Schulfreund das nahe gelegene Tianjin. Mit dem neuen Schnellzug, durch Felder fahrend, an Bauernhöfen vorbei, endlich einen Eindruck von der Landschaft außerhalb Beijings bekommend, erreichten wir die Hafenstadt in einer halben Stunde. Wir schauten uns um, beobachten Eisfischer und bestiegen den Fernsehturm, von wo aus wir auf Hochhäuser und Straßen blickten.
Schließlich waren die Prüfungen und das erste Semester vorbei. Bevor die Ferien begannen, gab es eine Abschlussveranstaltung, die alle internationalen Schüler der Schule versammelte. Eine ähnliche hatte es auch zu Beginn des Semesters gegeben. Damals wurden mir alle Ansprachen und Belehrungen von meinem Nachbarn übersetzt. Diesmal verstand ich bei weitem nicht alles, aber doch das Grundlegende, was uns die Lehrer mit auf den Weg gaben. Ich nahm den Preis von Beijing für unseren Gesang im vergangenen Monat entgegen und eine Auszeichnung als "gute Studentin".
So ist für mich Halbzeit, die Ferien und ein weiteres Semester liegen noch vor mir. Und trotzdem kommt es mir vor, als wäre ich gerade erst angekommen. Ich habe in den vergangenen fünf Monaten zwar unheimlich viel erlebt und gelernt, doch verging die Zeit gefühlt sehr schnell, fast zu schnell. Ich freue mich auf die kommenden Monate, den Frühling, den Sommer. Auf mehr Entdeckungen in Beijing, wieder neue Aufgaben und vor allem auf die Menschen, die ich noch kennen lernen werde. Denen ich dann vielleicht nicht nur auf Chinesisch vorsingen, sondern auch noch mehr erzählen kann.

Februar

Im Februar war es dann soweit: Das lang ersehnte Frühlingsfest stand an. Nachdem Weihnachten und "unser" Neujahr fast unbemerkt an mir vorbei gezogen sind, waren die Vorbereitungen auf das Chinesische Neujahr allgegenwärtig. Ich hatte das Glück, während dieser Zeit in einer chinesischen Familie leben zu dürfen und verbrachte bei ihnen meine gesamten Semesterferien.
Ferien bedeuten jedoch für viele chinesische Schüler keineswegs Freizeit. So erhielt meine Gastschwester für zwei Wochen an einer Privatschule zusätzlichen Englischunterricht, die verbleibende Zeit kämpfte sie sich durch Hausaufgabenberge, wie ich sie in Deutschland nie gesehen habe. Aber es ist doch ganz einfach, erklärt sie mir, bei so vielen Schülern, die eine gute Ausbildung haben möchten, muss man sein Möglichstes tun, noch ein wenig besser zu sein. Es reicht nicht aus, einfach nur "gut" zu sein, den Anforderungen gerecht zu werden. So werden Aufbaukurse belegt, zusätzliches Physik- und Chemiewissen angeeignet, was vermutlich nie im Schulunterricht abgefragt wird, aber eventuell für einen besseren Studienplatz qualifiziert. Mit uns internationalen Schülern wurde behutsamer umgegangen, unsere Aufgabe während der Ferien bestand lediglich darin, soviel Chinesisch zu hören und zu sprechen wie nur möglich. Und das tat ich gern. Denn gerade nach den Semesterprüfungen wurde mir bewusst, wie viel ich nach 5 Monaten Sprachunterricht schreiben und lesen konnte, wie wenig ich mich aber letztendlich traute auszusprechen. Im Internat selbst hatte ich dazu abgesehen vom Unterricht selbst wenig Möglichkeit, zu international war doch das Umfeld und ach wie viel einfach ist es doch, seine Gedanken in Englisch zu artikulieren.
Integriert im Familienleben war das nun aber auf eine wunderbare Weise anders. Meine Gastmutter hatte mich in Gedanken schon halb adoptiert, und so durfte ich endlich mit abwaschen, kochen und mein Bestes geben, eine gute chinesische Tochter zu sein - was mir als bloßer Gast, den es zu verwöhnen galt, oft verwehrt wurde. Vor allem das Kochen machte mir unheimlich Spaß, viel zu sehr hatte ich mich doch schon in das Chinesische Essen verliebt. Und zu sehen, welche Mühe, Gedanken und Vorbereitungen diese Familie jeden Tag in wirklich jede Mahlzeit steckte, ließ es gleich noch mal so gut schmecken. Ich kann nicht beurteilen, ob ich die Erfahrung für alle Chinesen verallgemeinern kann, doch scheint die Essenszubereitung und der Verzehr selbst hier eine viel größere Bedeutung zu haben, als ich es in Deutschland erlebt habe. Was nicht zuletzt der Satz "Ni chi le ma?" ("Hast du schon gegessen?") zeigt, die übliche Begrüßung oder der "Eisbrecher". Wo wir Westler beginnen vom Wetter zu reden, reden die Chinesen über das Essen. Und nicht zuletzt wurde mir von meinem Gastvater versichert, dass ich ihn, desto mehr ich essen würde, desto besser es mir schmecke, umso glücklicher machen würde.
Die ersten beiden Wochen verbrachten wir noch in Beijing. Ich nutzte die freie Zeit, um mit Freunden durch die Stadt zu stromern. Wir waren Eislaufen, in einer traditionellen Handarbeitsaustellung, in einem chinesischen Badehaus, auf einem Wohltätigkeitskonzert und fast zu Besuch auf dem Beijinger Friedhof.
Die Dinge haben zwei Seiten. Deutschlands gute Seite ist, dass die Gebäude einem das Gefühl geben können, Jahrhunderte in der Zeit zurückgereist zu sein. Chinas Häuser halten maximal dreißig Jahre, dann gibt es neue. Die Kultur werde platt gewalzt, anders in Europa, so Yuan. Ein anderer, positiver Aspekt seien die hilfsbereiten und freundlichen Menschen, sie erzählt von Beispielen wie den alten Nachbarn ihrer Mutter, oder dem Mann der beim Koffertragen hilft. Die schlechte Seite? Punks. Sie sind gruselig, geben Angst, attackiert zu werden. Und Verkäufer, die alte Menschen ausnehmen, sie erzählt von der Nachbarin mit dem Blumen- und Fotoproblemen.
Wie viel Verantwortung haben wir als Gastgeber? Und wie viel andersherum, als Botschafter unseres Landes? Brain repräsentiert Korea und gibt sich dabei alle erdenkliche Mühe. Sie ist unheimlich stolz auf ihr Land, was doch so klein ist, aber ihr Zuhause und ihre Kultur ist. Inwieweit bin ich stolz auf Deutschland? Forest sagte mir, ich könne stolz darauf sein, wie Deutschland den Holocaust und das Dritte Reich aufgearbeitet hat. Habe ich daran teilgehabt, an der Aufarbeitung? Vielleicht ein bisschen. Aber woran ich jetzt teilhabe, ist zu zeigen, dass in Deutschland auch Menschen aufwachsen, die vielleicht nicht dem Bild des kalten Nazistaates entsprechen. Freundlichkeit zu zeigen, Offenheit, Freundschaften zu bauen, nach Deutschland einzuladen. Zum ersten Mal wird mir bewusst, was Brücken bauen eigentlich heißt.

nach oben

Heidis Bildergalerie

  • Bildergalerie Heidi
nach oben