Ein Jahr in Beijing, China
[ Jahresprogramm "Ritan High School, Peking" ab Sommer 2010 ]
September
Es ist nun gut einen Monat her, dass ich das erste Mal in meinem Leben ein asiatisches Land betreten habe. Ich bin nach mehr als neun Stunden Flug in Chinas Hauptstadt Beijing gelandet. Um mir diesen lang gehegten Traum, ein Jahr lang in einem andern Land, einer völlig anderen Kultur und unter fremden Leuten zu leben, zu verwirklichen, habe ich alles in Deutschland zurückgelassen.
Die meisten meiner Freunde sind nach Ihrem Abitur zur Uni gegangen oder haben eine Ausbildung angefangen und ich habe mich dafür entschieden, erneut ein Jahr lang zur Schule zu gehen, aber dieses Mal zu einer chinesischen! Denn nur hier kann ich wirklich Chinesisch lernen und ich durfte bereits erfahren, dass man nicht nur Chinesisch lernt, sondern dass ein Auslandjahr immer viel mehr bedeutet, als "nur" eine neue Sprache zu erlernen. So steht auf meinem Stundenplan zum Beispiel auch "Gitarrenunterricht" und "Koreanisch". Wodurch man aber am meisten lernen kann, ist das Miteinander-Sprechen mit Freunden aus der Schule und das Leben in der Gastfamilie.
Hier ist es üblich, dass man immer nur für einige Tage bei einer Gastfamilie lebt und dann eine neue Familie kennenlernt. Das bedeutet, dass man sich sehr viel schneller an die neuen Menschen anpassen muss, aber auch viel Neues sehen und erleben kann. Ich habe bereits die Verbotene Stadt und andere Sehenswürdigkeiten besichtigt, eine traditionelle Kung Fu Show im Theater gesehen und versucht, mit meinen geringen Sprachkenntnissen Obst und anderes einzukaufen. Da ist es gut, dass man eine Gastschwester dabei hat, denn ansonsten wird aus grünem Tee auch schnell mal "Esel Tee"!
Vieles in China ist einfach anders. Man kann das mit dem europäischen Verstand ab und an nicht nachvollziehen, aber das ist gerade das, was diesen großen Schritt, ein anderes Land erleben zu wollen, so spannend macht. Man muss sich anpassen können und sich auf Neues einlassen. Ich lerne gerade, dieses "andere" nicht zu hinterfragen, sondern zu lieben!
Als einzige Europäerin bin ich hier so etwas wie ein "exotisches Wesen", und da die meisten Chinesen mir sehr gerne etwas von Ihrer Kultur vermitteln möchten, habe ich bereits die verschiedensten Köstlichkeiten aus der chinesischen Küche probieren dürfen. Mit Essstäbchen versteht sich! So war es ein Erlebnis, tausendjährige Eier zu probieren, selbstgemachte Nudeln und Teigtaschen zu essen, Schweinewirbelsäule abzuknabbern und auch Hund- und Eselfleisch zu kosten. Ich schlürfte ebenso Bambus- und Algensuppe und probierte traditionelle Gebäckstückchen, "Mooncake" genannt, welche wir gemeinsam mit allen ausländischen Schülern am chinesischen Mid Autumn Festival aßen.
Ich habe nun, nach den ersten chinesischen Prüfungen, ein paar Tage frei und werde Beijing noch genauer erkunden.
Beste Grüße,
Sarah oder, nun mit chinesischem Namen, Liu shi qi!
Oktober
China hat viele Gesichter und ich habe diesen Monat ein sehr beeindruckendes Gesicht von China kennen lernen müssen. In der Schule wird man als Austausschüler in seinen Freiheiten deutlich eingeschränkt. Die ausländischen Schüler müssen sich an so unglaublich viele Regeln halten, die dem deutschen Verständnis von einem schönen Wohnheim einer guten Schule widersprechen.
Es beginnt bei Selbstverständlichkeiten, wie zum Beispiel, dass man auch nach 22 Uhr noch Wasser aus dem Wasserautomaten im Gemeinschaftsraum trinken möchte, es aber nicht mehr darf, und endet dabei, dass es vollständig verboten ist, das Schulgelände während der Woche zu verlassen (nicht einmal zum Obst kaufen), obwohl es alle anderen Schüler der Schule dürfen.
Auch das Verständnis zur Sicherheit ist hier ein anderes. Ein Beispiel dafür sind die Ausgänge. Während man in Deutschland überall Schilder findet, die darauf hinweisen, dass Notausgänge unbedingt frei gehalten werden müssen, findet man diese hier teilweise verschlossen vor. Derartige "Sicherheitsvorschriften" sind für mich als Deutsche nicht immer nachvollziehbar.
Diese Umstände und auch die Tatsache, dass Schule von 7.20 Uhr bis 17 Uhr und ab 19 Uhr noch mal drei Stunden lang Abendunterricht, jeden Schüler unglaublich fordern, macht es nicht einfacher, hier zu leben. Sonntagsunterricht zu haben war ich bisher auch nicht gewohnt.
Die Klassengemeinschaft ist durch die großen Altersunterschiede von 12 bis 19 Jahren durchwachsen und die Stimmung meist sehr verschlafen, da die anderen ausländischen Schüler aus Kasachstan, der Mongolei und Süd-Korea, alle von ihren Eltern nach China geschickt worden sind und keine Lust haben, sich hier an die Regeln zu halten oder wirklich Chinesisch zu lernen. Ich scheine die einzige in der Ausländerklasse zu sein, die freiwillig die chinesische Sprache erlernen möchte.
Das ist nur eine Seite von China. Es gibt auch noch andere. Es sind natürlich die Momente, in denen man sich auch hier auf komische Art und Weise sehr wohl fühlt, in diesem fremden Land. Es sind die kleinen Dinge, über die man sich hier noch viel mehr freut, als wenn man zu Hause ist. Die kurzen Momente, die einen hier wirklich glücklich machen, wenn man einen schönen Tag bei einer Gastfamilie verbringen konnte oder gute Noten in der Schule erzielen konnte.
Das Chinesisch fällt mir leicht, auch die Schriftzeichen kann ich mir gut einprägen, sodass ich nun auch am chinesischen Koreanischunterricht teilnehmen kann und mit meiner Zimmergenossin zusammen Russisch lerne. Alle Sprachen werden hier gemischt, nur das Deutsche fehlt mir. Hier kann keiner Deutsch sprechen. Es ist erschreckend für mich, dass auch ich Schwierigkeiten habe, Deutsch zu sprechen. Denn seit mehr als 2 Monaten habe ich so gut wie keinen Satz mehr auf Deutsch gesprochen. Bei dem Versuch, nun endlich mit dem chinesischen Handy deutsche Freunde zu erreichen fiel es mir schwer, deutsche Wörter über die Lippen zu bringen. Englisch und Chinesisch sind die Sprachen, mit denen man sich hier verständigen muss.
Die Familie und Freunde vermisst man in solchen Momenten schon sehr. Der schlechte Kontakt nach Deutschland macht es einem nicht einfacher. Schon gar nicht, wenn man durch eine Fischvergiftung im Krankenhaus gelandet ist und sich nur nach Hause wünscht. Mittlerweile geht es mir zwar wieder gut, aber das gespaltene Verhältnis, das Hin- und Hergerissen sein zwischen verzweifeln und glücklich sein, ist unbeschreiblich anstrengend und Nerven aufreibend. Ich hoffe nur dass es nun besser wird. (Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr werden.)
Sarah
November
Dieser Monat ist schon mein dritter hier in China. Es ist kaum vorzustellen, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man sich nach der schwierigen Anfangs- und Eingewöhnungsphase eingelebt hat. Ich lerne hier in der Schule nicht nur Chinesisch, sondern selbstverständlich auch weiter Englisch. Während der Chinesischunterricht sehr vielfältig ist, besteht der Englischunterricht nur aus dem Beantworten von Mulitiple Choice Fragen und vorlesen von Texten. Um eine weitere Herausforderung zu haben wählte ich das Fach Koreanisch.
In diesem Fach wird auf chinesisch Koreanisch gelehrt. Das ist schon eine kleine Herausforderung, da ich längst nicht alles im Chinesischen verstehe. Aber Koreanisch zu lernen ist schön, da man auch diese Sprache direkt mit den koreanischen Freunden aus der Klasse üben kann. Die Korenaer verwenden, im Gegensatz zu den Chinesen, ein Alphabet (wenn auch ein Zeichenalphabet). Dieses ist sehr einfach zu erlernen und die Aussprache ist wesentlich einfacher als die chinesische Betonung.
Bei so vielen Fremdsprachen kann man schon mal die eigene Muttersprache vergessen. Besonders da ich seit über 2 Monaten so gut wie keinen Satz Deutsch mehr gesprochen habe. Als ich neulich einen guten Bekannten aus Deutschland hier in China angerufen habe, fehlten mir die Worte. Er meldete sich mit dem typischen chinesischen: Wei?! (Vergleichbar mit dem deutschen: Ja?!) und ich sprach eine Mischung aus chinesisch und englisch. Mir fiel es wirklich schwer deutsche Wörter auszusprechen. Das klang auf einmal sehr fremd und hart.
Das Gefühl, welches man hat, wenn man die eigene Sprache nicht mehr so flüssig aussprechen kann wie noch vor 3 Monaten, ist unbeschrieblich. Englisch ist einfach die Kommunikationssprache zwischen uns Schülern. Mit den Lehrern wird weitestgehend Chinesisch gesprochen. Darüber hinaus spricht meine Zimmergenossin fast nur Russisch und ich lerne auch noch ein paar wichtige Sätze auf Russisch, damit wir uns verständigen können.
Am 25. November habe das erste Mal in meinem Leben richtig Thanksgiving gefeiert. Leider konnte ich keinen Pumpkinpie essen wie es Tradition ist, aber mit einer amerikanischen Freundin haben wir uns für umgerechet 4.30 Euro in einem Vegetarischen Restaurant am leckeren Buffet bedient. Es war sehr, sehr lecker und die Preise hier in den Restaurants sind wirklich niedrig im Vergleich zu Deutschland.
Mit einer chinesischen Freundin bin ich am Wochenende in ein Hinterhofkino gegangen und wir haben uns den neuen Harry Potter Film für wenige Cent auf chinesisch angesehen. Ich war begeistert davon, dass ich doch schon so viel verstanden habe, obwohl es keine Untertitel gab. So spezielle Vokabeln wie Zauberstab oder Muggels habe ich mir vorher übersetzen lassen.
Es war unglaublich lustig die Charakäre chinesisch sprechen zu hören und es war irgendwie nicht mehr fremd. Es ist schon normal für mich, dass keiner mehr deutsch spricht. Ich glaube, dass ich daran sehen kann, dass ich langsam aber sicher wirklich in China angekommen bin. Der erste schlimme Kulturschock ist vorbei. Ich liebe es, hier zu sein.
Achja: hier heisst Harry natürlich Hally, Hermine ist Chelin und Ron wird Lon genannt, damit die Chinesen die Namen auch aussprechen können.
Besten Gruss,
Sarah